Streckenreaktivierungen statt Zuschussverfall

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Von Felix Staratschek

Was man mit nicht genutzten Zuschüssen Sinnvolles hätte machen können

Schon 1994 hat die DB 2,4 Milliarden DM an Zuschüssen des Bundes nicht genutzt. 2001 sind es wieder 813 Mio DM. Auf der einen Seite hält die Bahn immer die Hand auf, wenn man Investitionen fordert. Eine Ausbaumaßnahme oder Beseitigung eines größeren Schadens, die schon seit Jahren gefordert werden oder wegen Fristablaufs bei Bauwerken von Kennern seit Jahren angekündigt wurden, werden oft wegen angeblichen Geldmangels nicht umgesetzt. Viele Zweigstrecken sind aus technischen Gründen stillgelegt, obwohl Bundesländer für diese Linien Zugkilometer bestellt hatten. Bei jeder Forderung hält die DB die Hand auf und sagt: Dann müsst Ihr auch zahlen. Und zum wiederholten Male das: die Bahn nutzt das Geld nicht, das die Politik zur Verfügung gestellt hat. Was ließe sich mit dem Geld alles machen?

Vorbild Schönbuchbahn

Der Wiederaufbau der 17 km langen Schönbuchbahn Böblingen – Dettenhausen im Umland von Stuttgart hat einschließlich einer neuen Brücke, einer Werkstatthalle und der Fahrzeuge 27 Mio. DM gekostet. Wo die DB vor über 30 Jahren wegen fehlender Fahrgäste den Verkehr eingestellt hatte, lockt die Württembergische Eisenbahngesellschaft (WEG) mit einem attraktivem 30-Minuten-Takt täglich weit über 5000 Fahrgäste in die Züge. Für das Geld, das die DB 2001 nicht genutzt hat, könnten 510 km Schienenstrang vom Typ der Schönbuchbahn reaktiviert werden, 1994 wären es sogar 1500 km gewesen.

Und es sind nicht nur ländliche Zweigstrecken stillgelegt. Auch in den Ballungsräumen liegen Bahntrassen brach und werden nicht zur Stauvermeidung genutzt; im Folgenden einige Beispiele:

"Balkan-Express" Lennep – Opladen

Die für zwei Gleise ausgelegte Bahnstrecke Remscheid-Lennep – Wermelskirchen – Opladen (– Köln) hat an beiden Enden Großstädte und an den Zwischenhalten 50.000 Einwohner. Über 200.000 Einwohner aus Remscheid, Radevormwald, Hückeswagen, Wermelskirchen und Burscheid könnten durch eine Reaktivierung schneller nach Köln (Oberzentrum, Fernbahnhof, Flughafen) fahren. Denkbar wäre nach dem Vorbild der früheren Köln-Bonner Eisenbahnen, der Saarbahn und des Karlsruher Modells über diese Bahnstrecke mit Straßenbahnen bis auf den Remscheider Ebertplatz zu fahren.

Wuppertaler Nordbahn

Wuppertal hat 400.000 Einwohner. Die Stadt wird von zwei mehrgleisigen Bahnlinien erschlossen, von denen die nördliche Bahnstrecke (Düsseldorf –) Mettmann – Wuppertal – Gevelsberg jedoch stillgelegt ist. Das Manko der Nordbahn war es, dass die Züge nicht durch das Stadtzentrum fuhren, und auch keinen Anschluss an die Züge nach Köln und Essen boten. Ferner fehlten attraktive Umsteigebedingungen zwischen Stadtbus und Bundesbahn, so dass immer mehr Fahrgäste trotz Tarifverbund ausblieben. Trotzdem könnte diese durch dicht bebautes Gebiet führende Bahnstrecke viele Fahrgäste gewinnen, wenn neue Haltestellen oder Buslinienwege das Umsteigen erleichterten und die schon vor dem zweiten Weltkrieg geplante Verbindungskurve bei Vohwinkel gebaut würde, die eine Fahrt aller Züge über den Umsteigebahnhof Wuppertal-Vohwinkel zuließe. Dann könnten Fahrgäste auch nach Solingen, Leverkusen, Köln und Essen umsteigen. Nach Osten müssten die Züge bis Gevelsberg durchfahren, wo sie Anschluss an die S-Bahn nach Hagen hätten. Eine so ausgebaute Bahn würde die Stadtstraßen und Autobahnen entlasten. Zwar ist der Abschnitt Düsseldorf – Mettmann als Modellprojekt mit größtem Erfolg modernisiert worden, und ein Ausbau bis Wuppertal-Vohwinkel in Planung. Aber eine Reaktivierung des durch Wuppertaler Siedlungsgebiet verlaufenden Abschnitts ist nicht vorgesehen.

Remscheid - Wipperfürth

Die Bahnstrecke Remscheid-Lennep – Wipperfürth wird von Studien für eine Reaktivierung vorgeschlagen, aber es geschieht nichts. In Wipperfürth hat eine Fabrik einen Holzbedarf, der wöchentlich drei Ganzzüge erfordern würde. Aber statt auf der Schiene findet der Verkehr auf der Straße statt.

Korbach – Brilon (Wald)

Obwohl von Bahnfreunden seit Jahren angemahnt, hat die DB die Brücken der Bahnstrecke Korbach – Brilon nicht repariert, so dass die Strecke nun schon seit mehreren Jahren technisch gesperrt ist. Angesichts der von der DB nicht genutzten Gelder und angesichts der langen Zeit, während der vor der Baufälligkeit der Brücken gewarnt wurde, kann sich die Bahn hier nicht herausreden. Sowohl das Geld als auch die Zeit zum Planen waren da, wurden aber nicht genutzt!

Privatbahnen beauftragen!

Erschreckend an der Nichtnutzung der Gelder durch die Bahn ist Folgendes:

  1. Die DB gräbt sich selbst das Grab, wenn sie durch eine vernachlässigte Infrastruktur weniger Fahrgäste gewinnt und den eigenen Anteil am Verkehrsaufkommen verkleinert.
  2. Die Politik ist anscheinend nicht in der Lage, Gelder für Projekte bereitzustellen und Privatbahnen wie DB gleichberechtigt zu fördern.

Dem Fahrgast ist es egal, wer einen Zug fährt. Ihm ist aber nicht zu vermitteln, für eine Fahrt aus dem Bergischen nach Köln den Umweg über Solingen oder gar Wuppertal nehmen zu müssen, obwohl eine wesentlich bessere Bahntrasse vorhanden ist. Konsequenz ist der Stau auf der A1.

Wenn Gelder, die die DB nicht genutzt hat, Privatbahnen zur Verfügung gestellt würden, die eine Strecke übernehmen und ausbauen wollen, könnte es in kürzester Zeit eine Alternative auf der Schiene geben. Nimmt man alle Gelder zusammen, die in den letzten Jahren nicht genutzt wurden, muss man leider feststellen, dass das Eisenbahnnetz heute wieder 2000 km länger sein könnte, hätte es die DB fertig gebracht, die ihr angebotenen Mittel sinnvoll zu verwenden.

Felix Staratschek


Der Artikel ist erschienen in Heft 1/02 (Nr. 65) der Zeitschrift "NACHRICHTENBLATT - Informationen zur Verkehrspolitik im Rheinland"
(Herausgebergemeinschaft: AK Schienenverkehr im Rheinland, Köln/Bonn/Koblenz, PRO BAHN Rhein-Sieg e.V. und Strassen- und U-Bahn-Freunde Köln e.V.). Bezugsadresse der 4x jährlich zum Jahres-Abopreis von Euro 9,80 im 18. Jahrgang 2002 erscheinenden Zeitschrift: Frank Haase, Friedl-Ferdinand-Runge-Str. 88, 51373 Leverkusen, Fax 0214/8404687, eMail Frank.Haase@telelev.net



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